rainer schmidt tischtennisAngefangen hatte seine sportliche Karriere eher zufällig. Rainer Schmidt war zwölf Jahre alt und im Urlaub in Österreich. Sein Bruder und andere Kinder spielten dort viel Tischtennis. Er versuchte es auch, indem er den Schläger mit beiden Armen festhielt. Aber die Bälle kamen einfach nicht dort an, wo sie ankommen sollten. Nach ein paar Versuchen, verlegte er sich enttäuscht aufs Zählen und Zuschauen. Das wiederum hat ein weiterer Urlaubsgast bemerkt und wollte die Niederlage so nicht stehen lassen. Er baute eine Konstruktion, mit der der Schläger am Arm befestigt werden konnte, ohne dass er wackelte. So begann Schmidts Bezug zum Tischtennis und mündete eher unverhofft in einer Sportlerkarriere. Der letzte große internationale Erfolg war der vierte Platz bei den Paralympics 2008 in Peking.

„Tischtennis ist nach wie vor eine große Leidenschaft“, betont der ehemalige Paralympionike. Menschen treffen und nochmal sportliche Bestätigung zu bekommen, sind zwei wichtige Gründe, warum er sich in der Bezirksklasse beim TV Dellbrück weiterhin an die Platte stellt. Dort ist er seit einiger Zeit Teil des Teams „langärmeliger Männer“, wie Schmidt es schmunzelnd beschreibt. Im Behindertensport ist er jetzt nicht mehr unterwegs.

"Ich hatte genauso viel Lebensfreude wie die anderen Kinder"

Den offenen Umgang mit seiner Behinderung führt Schmidt auf seine positive Sozialisierung zurück, die er als Kind in seinem Dorf erfahren hat. „Ich hatte genauso viel Lebensfreude wie die anderen Kinder auch. Nur musste ich eben ein paar praktische Hürden überwinden, bei denen meine Freunde geholfen haben“, erklärt der Kabarettist. Und bis heute brauche er Hilfe, beispielsweise beim Schnüren von Turnschuhen. Aber warum solle er auch Trübsal blasen, fragt Schmidt. Er habe keine Schmerzen, keine traumatischen Ereignisse durchlebt. Er habe halt einfach nur kürzere Arme. Das sei doch kein Widerspruch zu einem erfüllten Leben.

Dass Schmidt mit seinem Äußeren natürlich trotzdem überall auffalle, sei ihm durchaus bewusst. Der Schritt, als Kabarettist auf die Bühne zu gehen, war aus seiner Sicht daher nur logisch. „Ein Blickfang bin ich sowieso“, erklärt er. Auf der Bühne könne er aber aktiv gestalten, wie ihn die Leute wahrnehmen. Dabei möchte er gar nicht so sehr ein direktes Vorbild für andere Menschen mit Behinderung sein. „Viel wichtiger ist mir, die Bilder in den Köpfen zu verändern“, sagt Schmidt. Allein die Vermutung, es müsse ihm schlecht gehen, weil er eine Behinderung hat, ließe ja schon auf das Bild, das nichtbehinderte Menschen von Menschen mit Handicap haben, schließen. Mit diesen Vorurteilen möchte er aufräumen – indem er sich mit allen seinen Stärken und Schwächen auf der Bühne zeigt.

Wertschätzende Grundhaltung ist die Basis

Auf die Frage, wie Inklusion im Verein gelingen kann, hat er vor allem einen wichtigen Ratschlag: Ein Verein sollte aus seiner Sicht das Selbstverständnis aktiv leben, dass wirklich alle Menschen willkommen sind und das alleinige Interesse am gemeinsamen Sporttreiben ausreicht, um dazugehören zu dürfen. Schmidt meint mit seinem Inklusionsverständnis dabei neben Menschen mit Behinderung auch alle anderen, die irgendwie „anders“ sind oder sich anders fühlen. „Auch als Vegetarier oder Moslem kann ich mich ausgegrenzt fühlen, wenn es beim Vereinsfest zum Beispiel nur rote Wurst gibt“, betont er. Eine wertschätzende Grundhaltung jedem Mitglied gegenüber ist für ihn die Basis.

„Eine solche Grundhaltung gelingt, indem wir uns fragen: Was hält Menschen davon ab, mitzumachen? Was können wir tun?“ erklärt Schmidt. Wer sich diese Frage ernsthaft stelle, wird immer eine Lösung finden, da ist er sich sicher. Dem Maximalanspruch hinterherzujagen, es wirklich jedem recht zu machen, hält Schmidt dabei gar nicht für notwendig. „Mit jeder Behinderung gingen auch andere Ansprüche einher“, erläutert er. „Inklusion ist ein Prozess, eine gemeinsame Aufgabe, die in jedem Einzelfall anders aussehen kann.“ Barrieren überhaupt in den Blick zu nehmen, sei schon der Anfang von Inklusion. „Und wenn alle ihre Ideen einschmeißen, dann finden sich immer Wege.“

Carmen Freda-Koch, WLSB

Foto: Johannes Hahn

 

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